Das war China 2008  

Vom 11. bis zum 21. Mai 2008 weilten wir zu einem Gastspiel in China. Leider hatte die Reise einen bedrückenden Rahmen: Am Tage der Ankunft ereignete sich das schwere Erdbeben in der Provinz Sichuan, und am Ende des Aufenthaltes begann die dreitägige Staatstrauer. Spontan übergab das Orchester eine Spende von 500 € an die chinesischen Freunde.

Entgegen dem landläufigen Bild über die Informationspolitik in China war in den chinesischen Medien von Anfang an über die Katastrophe berichtet worden. Das blieb nicht das Einzige, das anders als erwartet war. Die ungeheure Geschwindigkeit der Entwicklungen im heutigen China lässt sich daran erahnen, dass heute nicht mehr gilt, was gestern noch zutraf. Ebenfalls lässt sich erahnen, welche Probleme das mit sich bringt. Das Nebeneinander von Luxus und ärmlichsten Verhältnissen fällt sofort ins Auge. Wanderarbeiter leben unter primitivsten Bedingungen, fast auf der Straße. Aber Alternativen scheinen sie nicht zu haben: Sie werden angezogen von den Städten, in denen der Aufschwung stattfindet, aber die massenweise fertig gestellten Neubauviertel an den Stadträndern stehen großenteils leer, sind offenbar unbezahlbar.

Man muss sich vor Augen halten, was sich in den letzten fünfzig Jahren in China abgespielt hat, um manches einordnen zu können. Die „Kulturrevolution“ von 1966 bis 1976 hat Nachwirkungen bis heute. Geistiges, kulturelles Leben wächst über Generationen – die Elterngeneration heutiger Studenten ist aber in einer Zeit groß geworden, als Hochschulen und Schulen geschlossen wurden. Was sollte sie ihren Kindern vermitteln können z. B. von einer ohnehin fremden westlichen Kultur? So erklärt sich denn auch der für unsere Verhältnisse zögerliche Beifall in den drei sehr gut besuchten Konzerten. Für viele war es der erste Konzertbesuch überhaupt, und dann sind natürlich Werke wie Beethovens Violinkonzert oder Dvoráks Neunte „Aus der neuen Welt“ mit je einer Dreiviertelstunde Spieldauer gleich eine Herausforderung. Dass alle Werke der klassischen Musik (und vieles andere) im Überfluss in CD-Shops vorhanden sind, ist noch lange kein Indiz für die Nachfrage. Die war vermutlich bei unseren Orchestermitgliedern angesichts der Niedrigstpreise wesentlich höher als in der chinesischen Bevölkerung. Ein Vergleich mit dem kulturellen Interesse in Japan, wo das Orchester vor zehn Jahren drei Konzerte gab, wäre daher nicht legitim.

Japan ist auf andere Weise präsent: Als Verursacher des Massakers von Nanjing. Zum Gedenken wurde eine riesige Gedenkstätte errichtet, deren Besuch erdrückend war. 1937 war Nanjing die Hauptstadt Chinas (für Taiwan ist sie es noch heute !) und wurde am Vorabend des zweiten Weltkrieges von Japan erobert. Dem sechs Wochen andauernden Massaker fielen 300.000 Menschen zum Opfer. Unserer Dolmetscherin aus dem Nanjinger Orchester versagte nach einigen Minuten die Stimme, eine andere musste die Übersetzung übernehmen. Es war gut, am ersten Tage das Anwesen von John Rabe besucht zu haben. Als einer Art „Schindler von Nanjing“ gelang ihm die Rettung Tausender von Zivilisten durch hohen persönlichen Einsatz. Wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft wurde er in Deutschland lange Zeit totgeschwiegen. Die Chinesen verehren ihn noch heute. Geschichte ist manchmal schwer verständlich. Es gab natürlich auch Schöneres zu entdecken und zu besichtigen: Museen – meist neu, prachtvoll, überdimensioniert und selten mit englischsprachigen Erläuterungen - , Tempel, die Stadtmauer von Nanjing. Sie ist die längste der Welt und großenteils noch erhalten, soll sogar wieder vollständig hergestellt werden, was den Abbruch vieler Häuser bedeuten würde. Aber damit ist man in China nicht zimperlich. Dem Vernehmen nach erfahren manche Bewohner eine Woche vorher, dass ihr Haus oder ihr Geschäft Neubauten weichen muss. Unvorstellbar. Stadtplanung findet nicht in der Weise statt wie bei uns; sie kann mit der Entwicklung wahrscheinlich gar nicht Schritt halten. Den Wert der deutschen Sonntagsruhe lernt man übrigens spätestens dann zu schätzen, wenn man Sonntag früh halb sechs von ohrenbetäubendem Baustellenlärm geweckt wird.

Zurück zur Stadtmauer. Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein, aber hier ist er nachprüfbar: Das von der Mauer umschlossene Gebiet entspricht mehr als dem halben Stadtgebiet Leipzigs vor den Eingemeindungen Ende der neunziger Jahre, während sich Leipzig im Mittelalter auf das sehr überschaubare Gebiet der heutigen Innenstadt beschränkte. Die Versorgung der Bevölkerung einer solchen Stadt muss eine große logistische Leistung gewesen sein.

Andererseits haben sich in einer solchen Menschenansammlung offenbar auch Eigenschaften herausgebildet, die heute noch auffallen: Wer überleben will, muss sich durchsetzen. Das lässt sich am Verhalten im Straßenverkehr sehr gut studieren. Wer sich etwa als Fußgänger auf das Grün einer Ampel verlässt oder als Kraftfahrer auf die ihm „zustehende“ Spur, hat schon verloren. Ein 360°-Blick ist jederzeit erforderlich. Die Radfahrt durch Nanjing mit einem geliehenen Fahrrad (Rahmenhöhe entsprechend chinesischen Größenverhältnissen) ist ein bleibendes Erlebnis und könnte einer Leserdiskussion in der LVZ einiges Material liefern. Auch der Umstand, dass Beleuchtungseinrichtungen allen Fahrrädern fremd sind. Die Erklärung: Das ist verboten – wegen der Gefahr, dass Autofahrer irritiert werden.

Solche Erklärungen verdanken wir Annette. Sie gehört zum Nanjinger Orchester, ist mit einem Chinesen verheiratet und spricht fließend chinesisch. Chinesen hätten wahrscheinlich unsere Verwunderung über die fehlende Beleuchtung gar nicht verstanden. Inwieweit diese Erklärung aber auch für dasselbe Phänomen bei Stadtbussen zutrifft, muss dahin stehen. Unvergessen bleibt mir auch die Mutter mit Kind auf dem Arm im dichten Verkehr einer achtspurigen Straße. Niemand hielt an, aber das schien sie auch nicht erwartet zu haben. Sie kämpfte sich Spur für Spur durch und erreichte schließlich die andere Straßenseite. Verkehrspolizisten gibt es auch, aber ihre Funktion bleibt weitgehend unklar. Das beständige folgenlose Pfeifen erhöht nur den allgemeinen Lärmpegel.

Der stört aber allenfalls europäische Ohren. Chinesen lieben es offenbar lautstark, zu beobachten in Gaststätten. Der Freisitz bleibt Ausländern vorbehalten, weil es da nie so richtig gemütlich, also laut werden kann wie innen. So kommt jeder zu seinem Recht und ein großer Teil der Orchestermitglieder allabendlich zu seinem Sitzplatz in der unweit vom Studentenhotel gelegenen Stammkneipe, in der Tsingtao ausgeschenkt wird. Das Bier geht auf die erste Brauerei in China zurück. Sie wurde 1903 von Deutschen im „Schutzgebiet“ Kiautschou errichtet. Heute ist es die größte in China. Das vom Wirt selbst gebraute Schwarzbier kann da nicht mithalten, wird aber als Freibier gereicht, als einige Orchestermitglieder das musikalische Angebot der Kneipe mit Kammermusik bereichern. Gegessen wird nichts, einerseits weil man den blumigen Bezeichnungen einer chinesischen Speisekarte selbst bei vorhandenen Chinesischkenntnissen nicht allzuviel entnehmen könnte – was ist wohl „Phönix steigt aus der Asche“ ? - , andererseits die Verpflegung im Studentenhotel optimal ist. Hinsichtlich des Frühstücks wird das allerdings von einigen anders gesehen, und so versorgen sich manche mit Kaffee von der Ecke und Marmelade aus dem durchgängig geöffneten Minimarkt.

Beim Essen im Studentenhotel kann sich jeder in Ruhe das aussuchen, was ihm zusagt. Allerdings hilft da der Augenschein nicht immer weiter: So manche mit Soße übergossene Kartoffel entpuppt sich als ein Stück Ananas, und überhaupt sollte man sich zur Regel machen, nichts zu nehmen, was bekannt aussieht, da es doch etwas anderes ist. Tischregeln gibt es nicht, was manchem entgegen kommt und zumindest bei dem Versuch, die Stäbchen zu bändigen oder was man mit ihnen gerade zum Munde befördern will, Unsicherheiten zu überspielen hilft. Die befürchteten Hunde und Schlangen standen ohnehin nicht auf dem Speisezettel. Erstens ist das auch in China nicht überall übliche Nahrung und zweitens wären sie als Delikatessen viel zu teuer. Sie fehlen auch bei dem Empfang des Rektors der Universität, der sehr opulent war und bei dem es auch reichlich Alkohol gab. Das Glas wird in der Regel gleich ausgetrunken, was aus dem chinesischen Trinkspruch „gan bei“ folgt, „Glas austrocknen“.

Ein besonderer Höhepunkt war das eigens für uns arrangierte Konzert mit chinesischen Volksinstrumenten. Danach gab es Gelegenheit, die Instrumente auszuprobieren, wovon eifrig Gebrauch gemacht wurde. Außerdem wurde in den folgenden Tagen eine Reihe von Erhus (zweisaitiges Streichinstrument) erworben; nicht ausgeschlossen, dass sich in „Leipisi“ (Leipzig) bald ein Ensemble bildet.

Dienstleistungen gibt es bis spät in die Nacht, zum Beispiel Massagen. Gleich am ersten Abend „besetzten“ wir zu zehnt einen Massagesalon, Personal wurde offenbar noch einmal einbestellt. Für 4 € werden dann eine Stunde lang Füße massiert, manchmal bis an die Grenze des Aushaltbaren. Aber es tut gut, und fast sind die Füße zu schade, um mit ihnen noch nach Hause zu laufen.
Zur Not kann man aber auch ein Taxi nehmen. Kürzere Strecken kosten einheitlich 0,90 €. Die Verständigung klappt so, dass man dem Fahrer den an alle ausgeteilten Zettel (Bitte bringen Sie mich zum .... - Hotel) mit ca. 30 chinesischen Schriftzeichen vorhält. Nach kurzem Studium nickt er dann verstehend und fährt los. Zum Fahrstil wurde oben das Nötige gesagt.
Als Fußgänger ist die Orientierung schwieriger. Straßenschilder sind in der Regel nur chinesisch. Der beste Rat indieser Hinsicht war der, jemanden mit Brille zu fragen. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Student, und da
besteht am ehesten die Chance, auf englisch verstanden zu werden. Was wie ein Klischee klingt, war sehr praxistauglich.

Auch die schönsten Tage gehen irgendwann zu Ende. Da die neue Direktverbindung von Nanjing nach Frankfurt für unsere Buchung zu spät eröffnet wurde, ging es über einen Tagesaufenthalt in Shanghai (angezeigt: 39 °C) mit seinen 2.500 Wolkenkratzern und die Fahrt mit dem chinesischen Transrapid „Maglev“ zum Flughafen Pudong und von dort in 12,5 Stunden zurück nach Deutschland. Es bleiben tiefe Eindrücke von dem Erlebten und die Erfahrung, dass am Originalschauplatz Vieles anders aussieht als aus dem europäischen Fernsehsessel.

 
 
     
   
       
 
  Tourneeplan
 
 

Sonntag, 11.Mai 2008
07:16 Abfahrt Leipzig mit ICE

14:40 Abflug Frankfurt Airport
mit Airbus A 340

Montag, 12.Mai 2008
08:10 Ankunft Shanghai-Pudong
Stadtbesichtigung, Fahrt mit Bus nach Nanjing

Dienstag, 13.Mai 2008
Museumsbesuche in Nanjing

14:30 Gemeinsame Probe

Mittwoch, 14.Mai 2008
09:30 Gemeinsame Probe

19:00 Konzert im Großen Saal der Universität (1.500 Besucher)

Donnerstag, 15.Mai 2008
09:30 Besuch des Dr.-Sun-Yat-Sen-Museums und der Gedenkstätte für die Opfer des japanischen Massakers 1937

19:00 Gemeinsame Probe

Freitag, 16.Mai 2008
Fahrt nach Pukou
14:30 Gemeinsame Probe

19:00 Konzert im Pukou-Campus
(2.500 Besucher)

Samstag, 17.Mai 2008
Freizeit, Museumsbesuche

19:00 Konzert im Saal der Universität der Künste Nanjing (1.200 Besucher)

Sonntag, 18.Mai 2008
Busfahrt nach Yangzhou und Stadtbesichtigung

19:00 Besuch eines Folklore-
Konzertes, Ausprobieren der chinesischen Volksinstrumente

Montag, 19.Mai 2008
Freizeit in Nanjing

19:00 Empfang des Präsidenten
der Universität Nanjing

Dienstag, 20.Mai 2008
08:00 Abfahrt mit chinesischem ICE nach Shanghai, dort Freizeit

23:55 Abflug Shanghai-Pudong mit Airbus A 340

Mittwoch, 21.Mai 2008
05:20 Landung in Frankfurt

12:46 Ankunft Leipzig Hbf

 
       
   
       
       
   
       
     
   
       
 
  Tourneeprogramm
 
 

Ludwig van Beethoven
Egmont-Ouvertüre op. 84

Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine und Orchester
D-Dur op. 61

Antonin Dvorak
9. Sinfonie e-Moll op. 95
(„Aus der neuen Welt“)

Mo Yi, Violine
Horst Förster, Dirigent

Akademisches Orchester
Leipzig

Mitglieder des Sinfonieorchesters
der Universität Nanjing